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Mit Museumsstücken begeisterte Laboringenieur Karl-Heinz Weber (r.) die ehemaligen Studenten: Im Labor für elektrische Antriebe hatte er einen streng analogen Versuch aufgebaut, daneben stellte Weber aktuelle Lehr- und Forschungsgebiete vor.
Mit Museumsstücken begeisterte Laboringenieur Karl-Heinz Weber (r.) die ehemaligen Studenten: Im Labor für elektrische Antriebe hatte er einen streng analogen Versuch aufgebaut, daneben stellte Weber aktuelle Lehr- und Forschungsgebiete vor. (Download )
30.10.2015

Improvisation und Ingenieurskunst

„Als Pilotjahrgang mussten wir alles selbst machen – das fing damit an, dass wir Stühle und Tische ins Schulgebäude tragen mussten“, berichtet Helmut Schröder beim Treffen des ersten Jahrgangs Elektrotechnik der damaligen Staatlichen Ingenieurschule Soest. Um gleich hinzuzufügen: „Und das war gut so. Als wir bei Siemens die Computer eingeführt haben, war das auch neu und man konnte niemanden fragen. So war das improvisierte Studium die beste Vorbildung auf das Berufsleben.“

Mit 35 Studenten startete vor 50 Jahren die Abteilung Elektrotechnik – Starkstromtechnik an dem Vorläufer der Fachhochschule Südwestfalen, der damaligen Staatlichen Ingenieurschule Soest. 13 der damaligen Absolventen aus dem ersten Jahrgang trafen sich jetzt auf dem Soester Hochschulcampus am Lübecker Ring. Mit dabei Prof. Karl Rosenwald, der damals als erster Dozent die neue Abteilung eröffnete.

Rosenwald erinnerte an seinen Dienstantritt vor einem halben Jahrhundert: Die ehemalige Realschule am Hohen Weg war frisch hergerichtet worden als zweitem Standort der jungen Ingenieurschule. Im Laufe der Jahre folgten viele weitere, eher provisorische Standorte, bis die Fachhochschule den heutigen Campus beziehen konnte. Am Hohen Weg war aus zwei Klassenräumen im zweiten Obergeschoss ein Semesterraum eingerichtet worden, wo die insgesamt 80 Erstsemester ihre ersten Unterrichtsstunden erhielten.

Seitens der Soester Fachhochschule begrüßte Prof. Dr. Ulf Witkowski die Soester Ingenieure der ersten Stunde im neuen Gebäude 17. „Die Seminarräume des Neubaus werden bereits für den regulären Lehrbetrieb genutzt; Büros und Labors etwa des Fraunhofer-Anwenderzentrums werden in diesen Tagen fertig gestellt“, berichtete der Prodekan des heutigen Fachbereichs Elektrische Energietechnik und versicherte: „Stühle und Tische müssen Sie dieses Mal nicht schleppen.“ Witkowski stellte die Fachhochschule und den Hochschulcampus vor und gab Einblicke in die aktuellen Lehr- und Forschungsaktivitäten in seinem Fachgebiet Schaltungstechnik / Industrieelektronik.

Beim Rundgang über den Hochschulcampus zeigten sich die ehemaligen Soester Studenten besonders beeindruckt vom Hochspannungslabor, das in der ehemaligen Kasernen-Kapelle untergebracht ist. Im Labor für elektrischen Maschinen, Antriebssysteme und Leistungselektronik hatte Laboringenieur Karl-Heinz Weber einen Versuch aus alter Zeit zusammengestellt: „Ich habe die analogen Messgeräte vom Dachboden geholt und entstaubt“.

„Wenn es um den Verkauf ging, nahmen wir die digitale Messtechnik“, berichtete ein ehemaliger Vertriebsingenieur der Runde. „Die reagierte träge und zeigte, wie gleichmäßig die Maschinen liefen. Die alten, analogen Messgeräte haben wir benutzt, um die Maschinen zu verbessern. Da zappelte der Zeiger und demonstrierte: ‚Das müsst ihr noch besser hinkriegen!‘“  In den Labors entzündeten sich auch manche Fachdiskussionen, etwa ob die für die Energiewende benötigten neuen Stromtrassen als Erdkabel verlegt werden können oder ob nur der hohe Preis dagegen spricht.

Schon damals waren die Matheklausuren das Schreckgespenst der Studierenden: „Bis uns Baurat Wilhelm Adams mit der ersten Klausur aufweckte, nahmen wir das Studium etwas zu leicht“, berichtete der damalige Student Wilhelm Schröder. Das Zimmer über der Gastwirtschaft verführte zu manch feucht fröhlichem Abend.  „Als es die ersten Fünfen und Sechsen hagelte, mussten wir erst einmal  das Lernen lernen. Und eine Wohnung außerhalb der Gastwirtschaft beziehen.“

Nicht alle Kommilitonen schafften den Abschluss zum „graduierten Ingenieur“. Aber ein Student des Jahrgangs, der seinen Lebensunterhalt in der Zeche in Heesen verdingte und daher auch nach zehn bis elf Semestern seinen Abschluss nicht schaffte, war später trotzdem in der Industrie erfolgreich als Ingenieur tätig. In seinen Lebenslauf notierte er lediglich das Ingenieurstudium an der Ingenieurschule in Soest – den Abschluss nahm der Arbeitgeber offenbar stillschweigend an und stellte ihn ein.