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 (v.l.) Prof. Dr. Mechthild Freitag, Prof. Dr. Friedhelm Jaeger, Sabine Schütze (Schweinegesundheitsdienst NRW), Nicole Hellenkamp (FB Agrarwirtschaft), Dr. Sabine Dippel (Friedrich-Loeffler Institut) sowie Dr. Bernhard Schlindwein (WLV) als Moderator.
(v.l.) Prof. Dr. Mechthild Freitag, Prof. Dr. Friedhelm Jaeger, Sabine Schütze (Schweinegesundheitsdienst NRW), Nicole Hellenkamp (FB Agrarwirtschaft), Dr. Sabine Dippel (Friedrich-Loeffler Institut) sowie Dr. Bernhard Schlindwein (WLV) als Moderator.(Download )
26.02.2016

Tiersignale erkennen und handeln

FH: Erste Ergebnisse zur Studie „Caudophagie bei Schweinen“ vorgestellt

Soest. Erste Ergebnisse des Forschungsprojekts, „Umsetzung eines Beratungskonzepts beim Auftreten von Caudophagie bei Schweinen“, wurden jetzt in einem Ergebnis-Workshop an der Fachhochschule Südwestfalen vorgestellt. Im Rahmen der Studie wurden gut 70 landwirtschaftliche Betriebe in den vergangenen Wochen begleitet, mit dem Ziel, ein standardisiertes Analyse- und Beratungskonzept beim Auftreten von Schwanzbeißen auf Ferkelzucht- bzw. Mastbetrieben zu etablieren. Außerdem sollten Landwirte dahingehend sensibilisiert werden, auf das Kupieren der Schwänze zu verzichten.

„Ein Verzicht auf das Kupieren der Schwänze ist neu und wir haben noch wenig Erfahrung auf diesem Gebiet.“, erklärte Prof. Dr. Mechthild Freitag als Projektkoordinatorin den Stellenwert. Neben der Fachhochschule Südwestfalen sind weitere Projektpartner der Erzeugerring Westfalen e.G., die Landwirtschaftskammer NRW (Schweinegesundheitsdienst), die IQ-Agrar Service Osnabrück, betriebsbetreuende Tierärztinnen und Tierärzte sowie der Westfälisch Lippische Landwirtschaftsverband. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung und ist bis Ende Juni auf eine Dauer von zweieinhalb Jahren angelegt.
Caudophagie tritt seit Jahrzehnten in Schweine haltenden Betrieben weltweit auf. Gut 90 Landwirte, Tierärztinnen und Tierärzte sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik und von Verbänden waren der Einladung des Fachbereichs Agrarwirtschaft gefolgt, um sich über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema zu informieren.

Das aggressive Verhalten gegenüber Artgenossen ist nach Beobachtung von Prof. Dr. Freitag „ein Zeichen dafür, dass sich die Tiere unwohl fühlen.“ Im Zuge dessen sei das gegenseitige Abbeißen der Schwänze der Versuch, Stress zu kompensieren. Damit einher gingen häufig Infektionen, die wiederum den Einsatz von Antibiotika erforderlich machten. Isoliert könne das Problem aber nicht betrachtet werden, dafür plädierte Prof. Dr. Friedhelm Jaeger, Referatsleiter Tierschutz beim Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen: „Ist es nur der Schwanz, der sich von innen heraus entzündet, oder ist es vielmehr ein systematischer Prozess?“ Er warb dafür, das Thema ganzheitlicher zu sehen, mit dem alleinigen Kupieren der Schwänze sei das Problem nicht erledigt. Vielmehr müssten die Haltungsbedingungen zum Wohl und für mehr Gesundheit der Tiere optimiert werden. Genau dort haben die Forscherinnen und Forscher der FH angesetzt. Im Rahmen des Projekts entstand eine umfassende Erhebung zur Tierhaltung bei gut 70 Betrieben. Berücksichtigt wurden tierindividuelle Faktoren wie Genetik, Alter oder Geschlecht, aber auch Aspekte der Haltung, Fütterung, des Tierverhaltens und mögliche Stressfaktoren. Auf Empfehlung setzten die Betriebe innerhalb der Studie Optimierungsmaßnahmen um. Sie installierten beispielsweise Beschäftigungsmaterial, schalten Quellen von Zugluft aus oder stellten zusätzliche Wasserquellen auf. „Zu 100 Prozent werden wir das Problem nicht in den Griff bekommen.“, so die Bilanz von Prof. Dr. Freitag. Dem Ziel, mit Hilfe einer Checkliste potenzielle Schwachstellen innerhalb des Betriebes ausfindig machen, um möglichst schnell Abhilfe schaffen zu können, sei man aber ein großes Stück näher gekommen.

Anschließend berichtete Nicole Hellenkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt, von ersten Erfahrungen in Aufzucht und Mast von Ferkeln mit nicht kupierten Schwänzen. Auf zwei der sieben beteiligten Betriebe wurde während der gesamten Aufzucht kein Schwanzbeißen beobachtet und in der Mast nur vereinzelt (bei Wetterumschwung bzw. gemischter Aufstallung mit kupierten Tieren). Auf zwei weiteren Betrieben begannen die Beißaktivitäten in Verlauf der Aufzucht und setzten sich in der Mast auf einem der beiden Betriebe fort. Auf drei Betrieben waren zu Beginn der Aufzucht Schwanznekrosen zu verzeichnen, die mit Teilverlusten der Schwänze einhergingen und dann in Schwanzbeißen übergingen. Bei diesen Tieren war auf allen drei Betrieben mehr oder weniger ausgeprägtes Schwanzbeißen während der Mast zu verzeichnen.

Dr. Sabine Schütze vom Schweinegesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer berichtete anhand eindrucksvoller Fotos über die Konsequenzen für die gebissenen Tiere. Diese reichen von entzündeten und geschwollenen Schwänzen über Abzesse entlang der Wirbelsäule bzw. in anderen Körperregionen und gehen mit erheblichen Schmerzen einher. Bei einigen Tieren der Versuchsgruppen war ein nachträgliches Kupieren der Schwänze erforderlich, was eine Operation im Stall unter suboptimalen hygienischen Bedingungen bedingt. Nach den bisherigen Erfahrungen von Frau Dr. Schütze ist bei einem Verzicht auf das Kürzen der Schwanzspitzen mit einem erhöhten Einsatz von Antibiotika zur Behandlung von Entzündungen zu rechnen. Aus dem Auditorium wurde von Seiten der Veterinärmedizin angemerkt, dass zuvor ein rechtlich abgesichertes Prozedere zur nachträglichen Kürzung der Schwänze etabliert werden muss.

Abschließend beschrieb Frau Dr. Sabine Dippel vom Institut für Tierschutz und Tierhaltung Projekte zum Thema Caudophagie, die in den letzten Jahren in ganz Deutschland und auch in anderen Ländern der EU durchgeführt worden sind.  Mit 31 Projekten liegt Deutschland dabei mit Abstand an der Spitze der Forschungsaktivitäten, aber auch in den Niederlanden, Dänemark, Belgien ,Finnland, Schweden, Norwegen und Frankreich ist man bestrebt, Erfahrungen mit ungekürzten Schwänzen zu machen. Lauf Frau Dr. Dippel gibt es in der Intensität der Forschungen in diesem Bereich allerdings ein deutliches Nord-Süd-Gefälle, obwohl das routinemäßige Kürzen der Schwänze in allen Ländern der EU verboten ist und nur nach tierärztlicher Indikation durchgeführt werden darf.

An die Vorträge schloss sich jeweils eine sehr intensive und kontroverse Diskussion an, in der Vorteile und Risiken des Kupierverzichts  offen angesprochen wurden. Dies war nicht zuletzt der ausgezeichneten Moderation durch Dr. Bernhard Schlindwein vom WLV zu verdanken.