Pressearchiv

Bilder

06.04.2016

Ethische und wirtschaftliche Betrachtungen des medizintechnischen Fortschritts

Gemeinsame Tagung von Fachhochschule Südwestfalen und Evangelischer Akademie Villigst

Iserlohn/Schwerte. Um „Neue Technologien und Medizinethik im Spannungsfeld von Kosten, Gemeinwohl, Machbarkeit und Identitätskonzepten“ ging es bei der diesjährigen Gemeinschaftstagung der Fachhochschule Südwestfalen in Iserlohn und der Evangelischen Akademie Villigst am 4. und 5. April in Schwerte.

Fluch und Segen? Forschung steckt in einem Dilemma. Die Ergebnisse wissenschaftlicher Erkenntnisfindung können das Leben der Menschen verbessern, vereinfachen oder auch retten, sie können aber auch Schaden anrichten und sich gegen den Menschen richten. Auch in der medizintechnischen Forschung zeigt sich dieses Spannungsfeld in Verbindung mit gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen deutlich.

Vier Themenkreise standen im Mittelpunkt der Gemeinschaftstagung, an der rund 40 Studierende und Dozenten teilnahmen: Die ethische Perspektive des medizintechnischen Fortschritts, Herausforderungen und Probleme mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen, ökonomische Herausforderungen und eine veränderte Rechtsprechung und Gesetzgebung. An einzelnen Beispielen wurden Verbindungen von Bio-Medizin, Informatik, Ethik und Gesundheitswesen erläutert und diskutiert.

Prof. Dr. Kilian Hennes von der Fachhochschule Südwestfalen konfrontierte die Teilnehmer gleich zu Beginn der Tagung mit dem genannten grundsätzlichen „Dual Use Dilemma“. Helfen kann hier aus seiner Sicht nur ein öffentlicher Diskurs und eine öffentliche Wertediskussion über Verantwortung: „Ich plädiere für eine kontextorientierte Forschung“. Prof. Dr. Ulrich Schrader von der Frankfurt University of Applied Sciences konkretisierte dies anhand der Datenerfassung im Gesundheitswesen. Auch wenn die elektronische Gesundheitsakte bislang keine flächendeckende Einführung verzeichnen kann, so nutzen doch zunehmend mehr Bürger Fitnessarmbänder oder Gesundheits-Apps zur Erfassung eigener Daten. Während diese Form der Datensammlung sicher für die Nutzer selber einen Vorteil besitzt, so stellt sich dennoch die Frage, was mit den gespeicherten Daten geschieht und welche persönlichen Informationen die Nutzer damit preisgeben.

Auch Prof. Dr. Tanja Henking von der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt stellte die Frage nach dem gläsernen Patienten und nach der  Sicherheit medizinischer Apps. Ein E-Health Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen könnte hier für Klarheit sorgen. Prof. Dr. Andreas Brauers vom Hagener Studiengang Medizintechnik stellte die Anwendungen der Telemedizin in den Vordergrund seiner Ausführungen. Der Erfolg telemedizinischer Konzept hängt aus seiner Sicht von vielen Parametern und vielen beteiligten Parteien wie Ärzten, Patienten, Versicherungen, Krankenhäusern oder Angehörigen ab. Ausschließlich technologiegetriebene Ansätze funktionieren aus seiner Sicht nicht. Smart Home Technologie und Telemonitoring eröffnen zwar vielfältige Möglichkeiten der Überwachung und Unterstützung im Bereich Assisted Living. Aber nicht alle erscheinen sinnvoll und ethisch unbedenklich. Sie können aber Unterstützung leisten bei professioneller Pflege.

Um Pflege und Kosten-Nutzen Abwägung im Gesundheitswesen ging bei den Vorträgen von Prof. Dr. Annegret Horbach von der Frankfurt University of Applied Sciences und Prof Dr. Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Köln.

Prof. Dr. Eva Eisenbarth, Dekanin des Fachbereichs Informatik und Naturwissenschaften der Fachhochschule Südwestfalen, nahm die Teilnehmer mit auf eine Reise durch die Entwicklungsgeschichte der Biomaterialien. Die Anforderungen an Prothesen durch den veränderten Lebensstil der Menschen nehmen zu und erfordern neue Entwicklungen. Der medizinische Fortschritt erlaubt darüber hinaus immer mehr Anwendungsgebiete der Prothesen. Das bedingt auch neue Finanzierungsmodelle. Sie sieht einen Trend zu mehr Fachkliniken und individualisierten bzw. Zusatz-Versicherungen für bestimmte Patientengruppen wie Sportler.

Seit mehreren Jahren organisieren der Iserlohner Fachbereich Informatik und Naturwissenschaften und die Schwerter Akademie gemeinsame Tagungen für die interessierte Öffentlichkeit und für die Studierenden der Hochschule. Letzteren möchten die Organisatoren die Möglichkeit bieten, sich an zwei Tagen einmal fachgebietsübergreifend mit gesellschaftlichen und ethischen Fragestellungen zu beschäftigen um, wie Rektor Prof. Dr. Claus Schuster es ausdrückte: „ Themen aus der Hochschule in einen etwas anderen Zusammenhang zu bringen“. Auch der diesjährigen Tagung gelang dies in hervorragender Weise. Bestimmen sonst schwerpunktmäßig wissenschaftliche  Aspekte den Studienalltag von Studierenden, so konnten sie sich hier auch über die gesellschaftlichen, ethischen, ökonomischen und politische Entwicklungen und Rahmenbedingungen ihrer Arbeit austauschen und den berühmten Blick über den fachlichen Tellerrand werfen.