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Andreas Pelzer, Prof. Dr. Martin Ziron, Prof. Dr. Thomas Richter, Peter Hettlich,  Prof. Dr. Silke Hüttel, Jörn Busenkell, Dr. Susanne Plattes, Dr. Katharina Dahlhoff und Prof. Dr. Marcus Mergenthaler Foto: FH/Heers
Andreas Pelzer, Prof. Dr. Martin Ziron, Prof. Dr. Thomas Richter, Peter Hettlich, Prof. Dr. Silke Hüttel, Jörn Busenkell, Dr. Susanne Plattes, Dr. Katharina Dahlhoff und Prof. Dr. Marcus Mergenthaler Foto: FH/Heers (Download )
05.10.2016

Tierwohl geht Landwirte und Verbraucher an

Fachtagung zur Entwicklung von Tierhaltungssystemen an der FH

Soest. In der Landwirtschaft geht es heute nicht mehr nur noch um Sicherstellung der Ernährung. Auf der Seite der Konsumenten ist vielmehr ein ganzheitliches Bewusstsein für die landwirtschaftliche Produktion gewachsen. So setzen sich Landwirte mit Schlagworten wie Nachhaltigkeit und Tierwohl auseinander. Die daraus entstandenen Anforderungen führen nicht selten zu Konflikten, die im landwirtschaftlichen Betrieb gelöst werden müssen. Die 31. Wissenschaftliche Fachtagung an der Fachhochschule Südwestfalen in Soest führte Anfang Oktober Experten aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zusammen, die sich mit den Möglichkeiten der Bewertung von Tierhaltungssystemen auseinandersetzten.

Gut 90 Studierende, Hochschulangehörige, Wissenschaftler, Fachberater sowie Vertreter von Verbänden und politische Administrationen aus Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden Bundesländern waren auf den Soester Hochschulcampus gekommen, um sich über eines der aktuell meist diskutiertesten Themen in der Landwirtschaft auszutauschen. Mitveranstalter der Fachtagung waren, neben dem Fachbereich Agrarwirtschaft der Fachhochschule, die Landwirtschaftliche Fakultät an der Universität Bonn (Forschungsschwerpunkt „Umweltverträgliche und Standortgerechte Landwirtschaft“) sowie das Kompetenznetzwerk Nutztierforschung NRW (KONN) des Forschungsnetzwerkes NRW-Agrar.   

Im Anschluss an die Grußworte von Dekan Prof. Dr. Jürgen Braun sowie von Peter Hettlich, Abteilungsleiter Landwirtschaft, Gartenbau, Ländliche Räume im MKULNV, lieferten sechs Vorträge zum Thema Tierwohl Diskussionsstoff. Zum Einstieg stellte Prof. Dr. Martin Ziron von der FH Ergebnisse aus der Forschung vor. Demnach konnte er beobachten, dass Bürger immer mehr den Kontakt zur Natur und besonders den Bezug zu den landwirtschaftlichen Nutztieren verlören. Gleichwohl werde die moderne Landwirtschaft, besonders der Bereich Tierhaltung, in der Gesellschaft kritisch beäugt. Hinzu komme ein Trend, dass Verbraucher immer weniger Geld für Lebensmittel ausgeben möchten. Dieses Konsumverhalten führe nicht zu einer optimierten Haltungsform. Vielmehr müssten Indikatoren gefunden und entwickelt werden, um eine tiergerechte Haltung zu ermöglichen.

Prof. Dr. Thomas Richter von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen (HfWU) bewertete die Entwicklung des Tierschutzgesetzes nach Einführung des Paragrafen 11 (8) als positiv. Für ohnehin verantwortungsbewusste Tierhalter stellten die Bedingungen keine zusätzliche Belastung dar. Allerdings bemängelte er die vom Gesetz- bzw. Verordnungsgeber bislang ausgebliebene konkrete Definition der Ausführungsbestimmungen. Somit stünden die betroffenen Tierhalter mit der Umsetzung weitestgehend allein da. Er stellte verschiedene Checklisten, darunter die vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) und von der Arbeitsgruppe der Nürtinger Hochschule, als hilfreichen Leitfaden zur Orientierung vor.

Andreas Pelzer von der Landwirtschaftskammer NRW, Haus Düsse, berichtete aus der Praxis, wie Landwirte mithilfe dieser Checklisten den gesetzlichen Anforderungen eigenbetrieblicher Kontrollen nachkommen können. Durch den Einsatz von EDV-unterstützten Systemen könnten für das Tierwohl relevante Informationen im Betrieb regelmäßig erfasst und gezielt ausgewertet werden. Das System vergleicht die eingegebenen Daten mit anderen Erhebungen und erleichtert dem Anwender die Auswertung, Ursachenforschung und Entwicklung geeigneter Maßnahmen hin zu einer Optimierung der tiergerechten Haltung. 

Um das Thema „Ökonomische Aspekte der Weidehaltung von Hochleistungskühen“ ging es im Vortrag von Prof. Dr. Silke Hüttel. Weidehaltung der Milchkühe erlebe in Deutschland einen abnehmenden Trend, so die Professorin der Agrarökonomie an der Universität Rostock. Als Gründe nannte sie die zunehmende Spezialisierung der Betriebe und die Steigerung der Milchleistung mit den daraus resultierenden Anforderungen an das Fütterungsmanagement. Sie stellte erste Ergebnisse des Projekts „ÖKOTAWEK“ vor, was Antworten auf die Frage, inwiefern Weidegang unter Berücksichtigung von Tierwohl und ökologischen Aspekten ökonomisch sinnvoll sein kann, liefern soll. Demnach sei die durchschnittliche Milchleistung der Weidebetriebe zwar etwas geringer, erste Auswertungen des Gesundheitszustandes der Tiere ließen aber eine positive Tendenz erkennen.

Prof. Dr. Marcus Mergenthaler von der FH befasst sich in der Forschung mit dem Verständnis von „Tierwohl“ aus Sicht von Landwirten und Verbrauchern. Im Rahmen einer Untersuchung hatte er versucht, u.a. die Perspektiven von Landwirten und Verbrauchern gegenüberzustellen und Kommunikations- und Argumentationsmuster zum Tierwohl zu analysieren. Erste Ergebnisse aus den Gruppendiskussionen hatten ergeben, dass sich die zu Anfang gegensätzlichen Thesen und unterschiedlichen Bewertungen durch eine moderierte, inhaltliche Auseinandersetzung am Ende stärker annähern. Grundsätzlich zeigten die Ergebnisse, dass eine Entwicklung in Richtung mehr Konsens über die Bewertung der Nutztierhaltung möglich sei, so Mergenthaler.

Vom Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie von der Tierärztlichen Hochschule Hannover sprach Prof. Dr. Peter Kunzmann zum Thema „Tierschutz als ethisches Prinzip und Ziel des Rechts“. Er riet allen Anwesenden dazu, künftig weniger vom Verbraucher mehr vom Bürger zu sprechen. Der Bevölkerung könne eine gewisse Grundkompetenz unterstellt werden, selbst, wenn keine fachliche Ausbildung vorliege. Er unterstrich die Thesen seines Vorredners, dem Bürger ein Recht über die Tierhaltung zuzugestehen. Es sei enorm wichtig, dass sich die Bürger und Vertreter der Landwirtschaft beim Thema Tierschutz annähern. Er sieht Chancen im gegenseitigen Dialog zur Klärung von Sachverhalten.