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Extreme Armut: Laut Weltbank betrifft dies rund 700 Millionen Menschen auf der Welt, die weniger als zwei US-Dollar pro
Extreme Armut: Laut Weltbank betrifft dies rund 700 Millionen Menschen auf der Welt, die weniger als zwei US-Dollar pro (Download )
Prof. Dr. Falk Strotebeck Fotos: FH Südwestfalen, Christian Klett
Prof. Dr. Falk Strotebeck Fotos: FH Südwestfalen, Christian Klett(Download )
15.09.2017

Wem Armut nutzt

Prof. Dr. Falk Strotebeck sprach bei den Sauerländer Tischreden über Armut und ihre Gewinner

Meschede. „Gib der Armut dein Wort“ ist das Motto der Sauerländer Tischreden. Volkswirtschafts-Professor Dr. Falk Strotebeck tat dies am 12. Juli auf Einladung des Arbeitskreises gegen Armut im Hochsauerlandkreis. Sein Thema: „Armut und ihre Gewinner: Wem die Armut nutzt“.

Herr Professor Strotebeck, wer profitiert denn Ihrer Meinung nach von Armut?

Die Antwort ist eigentlich vorhersehbar: die im Vergleich jeweils besser Gestellten. Wenn ich mir beispielsweise ein in Bangladesch gefertigtes T-Shirt für zwei Euro kaufen kann, dann profitiere ich als Konsument vom dort niedrigen Lohnniveau, also von der Armut der bangladeschischen Textilarbeiter. Und die Textilproduzenten profitieren davon, dass sie ihre Waren zu Spottpreisen anbieten können.  

Was stört Sie daran?

Als Mensch stört mich absolute Armut, also wenn andere Menschen nicht einmal ihre lebenswichtigen Grundbedürfnisse erfüllen können. Wenn wir mit absoluter Armut konfrontiert werden, fühlt sich keiner von uns besser und entsprechend reagieren wir. Experimente zeigen, dass Konsumenten die zwei Euro für ein T-Shirt lieber spenden, wenn ihnen bewusst wird, dass hier Menschen für 13 Cent pro Stunde 16 Stunden am Tag beschäftigt sind. Als Volkswirt stören mich außerdem die Auswirkungen ungleicher Einkommensverteilung und relativer Armut.

Und die wären?

Für die Einkommensverteilung ist das einfach erklärt. Stellen Sie sich zum Beispiel einmal vor, in einer Stadt konkurrieren Studierende und gutverdienende Singles um Wohnraum. Wer wird sich am Markt wohl durchsetzen?  Absehbar ist, dass große, teure Lofts in Gegenden gebaut werden, wo Wohnraum knapp ist. So ist das in einem freien, nicht regulierten Wettbewerbsmarkt: Der reichere Gesellschaftsteil kann sich auf Wunsch immer gegen den ärmeren durchsetzen.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „relative“ Armut?

Damit ist die Armut relativ zum Umfeld eines Menschen gemeint. Wir vergleichen uns mit besser oder schlechter gestellten Menschen in unserer Umgebung. Beispielsweise gefällt es mir, wenn ich ein teureres Auto habe als mein Nachbar. Aber ich freue mich weniger, wenn er sich dann ein größeres oder teureres Auto kauft. Im schlimmsten Fall entwickelt sich aus solchen Situationen ein Positionswettbewerb. Für eine Volkswirtschaft ist das problematisch, weil Ressourcen in Bereiche gelenkt werden, die nicht so notwendig sind wie Nahrung oder Bildung. 

Armut führt also zu einer falschen Verteilung von Ressourcen?

So kann man es ausdrücken. Die Einkommensverteilung beeinflusst auf jeden Fall die sogenannte „Allokation“ von Ressourcen und führt auch zu Fehlallokationen. Leider wird dies in der Mainstream-Literatur zur Ökonomik teils zu wenig beachtet. Daran müssen wir Volkswirte noch arbeiten.

Hintergrund Sauerländer Tischreden:

Zu den „Sauerländer Tischreden“ hat der Arbeitskreis gegen Armut im Hochsauerlandkreis bereits zweimal nach Brilon eingeladen.  Im Arbeitskreis arbeiten Deutscher Gewerkschaftsbund, Diakonie Ruhr-Hellweg, Evangelischer Kirchenkreis Arnsberg, das Institut für Kirche und Gesellschaft und die Katholische Arbeitnehmerbewegung zusammen. Ziel ist es, mögliche Akteure ins Gespräch zu bringen, um gemeinsam Wege zur Überwindung von Armut zu finden.

Armut gibt es nach Auffassung des Arbeitskreises in allen Gemeinden, in allen Altersstufen und in allen Gebieten. Anzeichen sind, dass Sportvereine Fußballschuhe finanzieren oder Unternehmer in den Personalbüros mit Lohnpfändungen ihrer Mitarbeiter kämpfen.