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Prof. Dr. Christian Pfeiffer
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11.06.2012

Toben ist gut für Mathe

Prof. Pfeiffer plädiert für weniger Unterricht und mehr Bewegung

Soest. "Wenn Sie Rock n Roll in der ersten Stunde unterrichten, haben Sie bessere Mathe-Ergebnisse, als wenn der Sport nachmittags um vier auf dem Stundenplan steht." Mit zahlreichen praktischen Beispielen, verbreiteten Irrtümern und einer Fälle von Zahlen konfrontierte Prof. Dr. Christian Pfeiffer die 160 Zuhörer bei den Soester Impulsen.

"Wer rettet unsere Söhne?", lautete die provokative Frage des Kriminologen, der im Rahmen seiner Fahrradtour durch Deutschland für bessere Bildungsprojekte sowie für Bürgerstiftungen warb. An den meisten der 30 Stationen zwischen Wismar und München berichtete der der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) nach gestrampelten Kilometern von neuesten Forschungsergebnissen, insbesondere von Langzeitstudien über die entstandenen Unterschiede in der Erziehung von Mädchen und Jungen.

"Jungs bekommen mehr Schläge und weniger Liebe. Mädchen haben in den letzten 20 Jahren steil zugelegt an Zuwendung - bei Müttern, Vätern, Erziehern und Lehrern." Pfeiffer beruft sich auf vergleichende Repräsentativbefragungen im Abstand von zwei Jahrzehnten. Insgesamt wird zwar weniger geprügelt. Die gewaltfreie Erziehung stieg von 26 auf 52 Prozent. "Aber immer noch können nur 32 Prozent der Väter ihre Söhne in den Arm nehmen."

Als regelrechtes Ammenmärchen entlarvte Pfeiffer die in landläufigen Bildungsdiskussionen vermissten männlichen Erzieher und Lehrer und ihr behaupteter positiver Einfluss auf Jungs: "Das Vorurteil, die Feminisierung des Lehrerberufes sei schuld am Elend der Jungs, ist nachweislich falsch." Befragungen, Langzeit-Filmbeobachtungen und Auswertungen von Benotungen seien alle zu dem gleichen Schluss gekommen: Jungs kommen bei Pädagogen schlechter weg als Mädchen - in Bewertung, Aufmerksamkeit und Zuwendung. Und bei Männern noch schlechter als bei Frauen. Lediglich beim Sport schneiden Jungs oft besser ab.

"Jungen müssen raufen. Das ist in ihren Genen verankert."

Aber genau dieser Schulsport sei stets der Spitzenreiter unter den Schulfächern, wo Schüler bloß gestellt werden. "Es ist ein Skandal, wie hier genetische Veranlagungen bewertet werden und wie im Sport diskriminiert wird." Dabei ist Sport, ist Bewegung so existentiell fürs Lernen. "Jungen brauchen das Toben, das Bewegen, stärker als die Mädchen."

Der genetische Unterschied zwischen Mädchen und Jungen werde in Kindergarten und Schule meist ignoriert. "Jungen müssen raufen. Das ist in ihren Genen verankert." Das erscheine oft als anstrengender, nerviger und wird daher gern unterbunden. Kämpferdasein gebe es nur noch in den virtuellen Welten. Zum Austoben ist kaum noch Raum vorhanden.

Bewegte Schule heißt das empirisch belegte pädagogische Erfolgskonzept, das in Naperville (USA) begründet wurde. "Aber trotz aller Pisa-Schocks - wir sind zu einfach dämlich in Deutschland." Das fange bei den Eltern an: Die Gehirnforschung weiß seit langem: Ein langer Fahrradweg ist besser für die Schulnoten, als mit dem Auto gefahren zu werden.

Genauso wirksam wie Bewegung sei die Musik: "Es ist eine höchst komplexe Aktivität, Musik zu machen." Das Abstraktionstraining beim Musizieren ist ein idealer Nährboden für Mathematik. Es sei ein Defizit, nur die intellektuellen und nicht die händischen Fähigkeiten zu fördern.

Aber wenn man Jungs zu Sitzmenschen macht - und das ist heute der Normalzustand - müsse man sich nicht über Probleme wie Hyperaktivität wundern. Nach dem stundenlangen Sitzen in der Schule sitzen gerade Jungs an Spielkonsole, Comuter oder Fernseher. "Hyperaktivität wird meist durch zu starken Medienkonsum verursacht", stellt der Experte fest.

Dabei solle man die Leidenschaft für Medien ernstnehmen. Angebot statt Verbote laute die Devise. Das Mathelernprogramm an Console oder PC sei ein Weg gerade auch für hyperaktive Jungen. Denn die wichtigste Regel für Schule und
Pädagogik lautet: "Immer die Stärken suchen" und damit Lust auf Lernen machen.

In der Abschlussdiskussion appellierte der ehemalige niedersächsische Justizminister klar für Ganztagsschule für alle - "aber dann mit vernünftigen Angeboten".

Die Studierenden des Verbundstudiengangs Frühpädagogik diskutierten in ihrem nächsten Seminar Pfeiffers Thesen zur Gender-sensiblen Erziehung und die Folgen für das erzieherische Handeln. Die Studierenden, die alle als Erzieherinnen tätig sind, waren sich einig darin, dass jede sich selbst zu überprüfen habe und Videos oder Soziogramme erstellen müsse, um die Fragestellung zu reflektieren.

Links
Bürgerstiftung Hellweg (mit weiterführender Literatur zum Herunterladen)
Pressemitteilung
VFP