Eine Studentenbewegung von Dortmund nach Iserlohn

Die jungen Menschen, die an dieser Stelle zu Wort kommen, sind Wahl-Iserlohner Sie sind hierher gezogen, um an der Fachhochschule Südwestfalen zu studieren. Christian Koziol (26) fühlte sich vorher irgendwie rausgeschmissen.

Christian Koziol war Teil einer Studentenbewegung. Und zwar einer von Dortmund nach Iserlohn. Revolutionär ist das jetzt nicht. Aber so ganz gewöhnlich ist es eben auch nicht, wenn zehn Studierende der TU Dortmund demonstrativ den Rücken kehren, um an der Fachhochschule Südwestfalen in Iserlohn anzufangen. Alle gleichzeitig. Und alle im gleichen Studiengang. Etwa drei Jahre ist das jetzt her „Elendige Rausschmeißerklausuren“ nennt Christia das, womit die TU Dortmund ihn und die anderen vergrault hatte. Aber von vorne: Christian kommt aus Monheim. Das liegt bei Düsseldorf. Oder, wie Christian es geografisch zuordnet „20 Autominuten von Köln“.

„In einem Riesen-Hörsaal mit 1000 Leuten gehst du nicht einfach mal nach vorne.“

So oder so, Monheim liegt im Rheinland. Und genau dieses Rheinland verließ Christian nach dem Abi, um in Dortmund Bioingenieurwesen zu studieren. Anfangs lief auch alles wie geschmiert. „Das war ein prima Leben in der Großstadt – gute Infrastruktur, man kann super einkaufen, super weggehen“, sag Christian. Am akademischen Horizont tauchten sie dann irgendwann trotzdem auf, diese „elendigen Rausschmeißerklausuren“. Auch drei Jahre später ruhen sie in Christians Vergangenheit noch nicht in Frieden. „Die hatten keine andere Funktion, als knallhart auszusortieren“, sagt er.

Aber sie hatten auch ihr Gutes. Denn alledem, was danach kam, ist die Binsenweisheit vom Glück, zu dem man Einige eben zwingen muss, wie auf den Leib geschneidert. Christian fing von vorne an. Er packte seine Sachen, zog nach Iserlohn und studierte von nun an Bio- und Nanotechnologien an der Fachhochschule Südwestfalen. „Hier habe ich mich sofort gut aufgehoben und besser betreut gefühlt“, sagt Christian und bringt einen Vergleich: „In einem Riesen-Hörsaal mit 1000 Leuten gehst du nicht einfach mal nach vorne und fragst nach, was du nicht verstanden hast“. Hier seien die Professoren viel greifbarer und überhaupt passe das Konzept einer FH viel besser zu seinem Lernstil.

„Muss ich jetzt was Positives sagen?“

Deshalb bleibt er diesem Konzept auch treu. Iserlohn aber nicht. Kürzlich hat Christian seinen Bachelor gemacht. Den Master legt er nun gemeinsam mit seiner Freundin an der FH in Aachen nach. Und wieder ist Christian sofort umgezogen. Die neu Wohnung in Aachen hatte er tatsächlich eher als den Bachelor in Iserlohn. Die Frage, wie ihm denn die drei Jahre als Wahl-Iserlohner gefallen hätten verlangt dann Christianskomplettes diplomatisches Talent. „Muss ich jetzt was Positives sagen?“, fühlt er vor. Dann sagt er, er habe sich nie unwohl gefühlt und habe hier relativ viele nette Leute getroffen. Das Wort „relativ“ prägt dann auch die folgenden Sätze. Nein, seine Traumstadt sei Iserlohn nie gewesen, gibt er zu. „Hier gibt es relativ wenig Weggehmöglichkeiten für junge Leute“, sagt er. Und insgesamt habe er dann doch relativ wenig von der Stadt gesehen.

Gesehen hat Christian allerdings den Seilersee. „Dort war ich mehrfach, schön ist es da“, sagt er. Auch die Autobahnbrücke könne diesen Eindruck nicht verwischen. „Sie trübt zwar das Landschaftsbild, aber man kann sie ausblenden, wenn man das will“, findet Christian. Dass die Autobahn quasi mit der Brücke endet, das hätte er allerdings nicht gedacht. Und das ändert auch seine Meinung. Wer sich so etwas denn ausgedacht habe, will er wissen.

Jetzt ist es aber nicht so, als könnte sich Christian über so etwas tatsächlich aufregen. Nein, selbst wenn die Brücke in der Mitte des Sees enden würde, Christian hätte in seiner unaufgeregten Besonnenheit wahrscheinlich nur ein ungläubiges Lächeln dafür übrig. Vielleicht liegt das aber auch ganz einfach an fehlender Identifikation. Könnte sein. Die Frage nach der Einwohnerzahl Iserlohns bringt Christian jedenfalls ins Schwimmen. „Vielleicht 40 000?“, antwortet er mit einer Gegenfrage. Dann verdoppelt er diese Schätzung und fühlt sich damit genauso unwohl wie mit der ersten.

„Im Endeffekt hab’ ich Iserlohn vielleicht nie eine echte Chance gegeben.“

„Im Endeffekt hab’ ich Iserlohn vielleicht nie eine echte Chance gegeben“, sinniert er plötzlich. Aber es ist jetzt nicht die Zeit, irgendetwas nachzutrauern. Denn längst war Christian wieder Teil einer Studentenbewegung. Und zwar einer von Iserlohn nach Aachen.