Beworben. Genommen. Und plötzlich war er da!

Die jungen Menschen, die an dieser Stelle zu Wort kommen, sind Wahl-Iserlohner. Sie sind hierher gezogen, um an der Fachhochschule Südwestfalen in Iserlohn zu studieren. Der Auftakt gehört Paul Gruner (23). Er ist ein Berliner.

Muss er das eigentlich wissen? Muss ein junger Mann, der seit fast zweieinhalb Jahren in Iserlohn wohnt, wissen, wie viele Menschen hier leben? Wenigstens ungefähr? Muss er wissen, wo der Danzturm steht? Was der Seilersee ist? In welcher Liga die Roosters spielen? Welche Roosters?

Paul Gruner ist 23, Student. Nur deshalb ist er hier. Zum Studieren. An der Fachhochschule Südwestfalen. Bio- und Nanotechnologien heißt das Zauberwort, das Paul nach Iserlohn lockte. Aus Berlin. Denn Paul ist Berliner. In Berlin geboren, zur Schule gegangen, Abitur gemacht, „groß geworden eben“, wie er selbst das auf den Punkt bringt. Aber jetzt ist Paul Iserlohner. So steht es jedenfalls in seinem Ausweis.

„Einwohner? Vielleicht 66000?“

Und dieser Paul, Iserlohner des Studiums wegen, soll jetzt wissen, wie viele Einwohner Iserlohn hat? „Keine Ahnung“, sagt er, „vielleicht 66000?“ Und der Seilersee? „Da war ich mal. Zum Parken. Einmal wollten wir zum Schwimmen. Und ist da nicht auch die Kirmes?“ Aber die Roosters? „Genau, das war das einzige, was ich jemals von Iserlohn gehört habe, bevor ich hierher gezogen bin.“ Dass die Roosters am Seilersee spielen, das ist Paul neu.

Im Gespräch mit Paul geht es um Integration. Um Integrieren und um integriert werden. Ein solches Gespräch hat Paul wohl noch nie geführt. Und da ist es auch egal, ob die gestellten Fragen nun als Indikator taugen oder auch nicht. „Ich bin zum Studieren hier, fertig“, sagt Paul. Klingt hart. Aber es hat sich gelohnt. „An der Fachhochschule fühle ich mich super wohl, super Professoren, super Bedingungen, alles super.“ Und so wurde der Studiengang Bio- und Nanotechnologien für Paul zum Volltreffer. Oder besser zum Zufallstreffer. Eigentlich wollte er Bionik studieren. In Bremen. „Aber das wurde nichts“, sagt Paul. An der Iserlohner Fachhochschule habe er sich dann recht spät angemeldet. „Aber dann ging alles ganz schnell. Beworben. Genommen. Und plötzlich war ich hier.“

Paul wohnt in einer WG. Aber nur unter der Woche. Denn kaum ist Freitag, da zieht es Paul nach Berlin. Jedes Wochenende. „Gründe dafür gibt es viele“, sagt Paul. Der beste heißt Nahla. Nahla ist Pauls Tochter. Im April wurde sie geboren. In Berlin. Und am Wochenende ist die Familie dann komplett. Dann ist der Iserlohner Student Paul bei seiner Freundin und Nahla in Berlin. Aber nur bis Sonntag. „Das ist hart“, sagt Paul, „sehr hart. Aber ich will dieses Studium durchziehen.“

„Die Innenstadt ist richtig schön“

Als Paul nach Iserlohn zog, wurde aus seiner Beziehung eine Fernbeziehung. Ein Problem? „Naja, schön ist das nicht immer“, gibt Paul zu. Und Eifersucht? „Das ist kein Thema. Ich hab’ noch nie so wenig mit Mädchen geredet wie hier.“ Und irgendwie scheinen Paul dazu auch die Gelegenheiten zu fehlen. „Hier ist ja nichts los“, sagt er. Einmal war er in der Schauburg, einmal im Living. „Das reichte mir dann auch“, zog er schnell einen Strich drunter. Gut findet er nur das Abendrot. Wegen der monatlichen Studi-Nights. Und die Innenstadt. „Die ist richtig schön“, sagt Paul, „nur leider werden viel zu früh die Bürgersteige hochgeklappt“. Klar, der Vergleich mit Berlin verbiete sich und man solle auch nicht zu viel von Iserlohn erwarten, lenkt Paul ein. Aber trotzdem: Paul und Iserlohn, Iserlohn und Paul – geknistert hat es in dieser Beziehung nie.

„Vielleicht. Vielleicht zeige ich meiner Tochter irgendwann mal Iserlohn“

In spätestens einem Jahr will Paul seinen Bachelor gemacht haben. Und dann will er weg. Nach Berlin. „Nicht wegen Iserlohn, wegen Berlin“, sagt er. Ob er jemals wiederkommt? „Vielleicht. Vielleicht zeige ich meiner Tochter irgendwann mal Iserlohn“. Er betont das „I“. Nicht das „lohn“. Aber muss Paul das wirklich wissen?