10. Dezember

Tipp zur Weihnachtsaktion: heute in Soest!

Die Taschenregale aus Speyer, die sind uns lieb und teuer. Wer schnell ein Buch leiht, spart neuerdings Zeit und schafft es pünktlich zur Feier.

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Buchtipp von Sabine Lange-Mauriège, stellvertretende Bibliotheksleiterin

„Dieses Treffen vom 20. Februar 1933, in dem man einen einmaligen Moment der Arbeitgebergeschichte sehen könnte, ein unerhörtes Zugeständnis an die Nazis, ist für die Krupps, die Opels und die Siemens nicht mehr als eine alltägliche Episode des Geschäftslebens, ein banales Fundraising.“ (S. 18)

Éric Vuillards Erzählung Die Tagesordnung – 2017 mit dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet – behandelt entscheidende Momente im Vorfeld des 2. Weltkriegs, die Hitlers Machtergreifung ermöglichten: Am 20. Februar 1933 findet auf Betreiben Hermann Görings das Geheimtreffen der deutschen Großindustriellen mit Hitler im Berliner Reichstagspräsidentenpalais statt. Die nationalsozialistische Partei ist pleite, und die Anwesenden werden ohne Umschweife um Geld für den anstehenden Wahlkampf für die Reichstagswahl am 05. März gebeten – die Mehrheit der Geladenen zahlt umgehend und macht sich damit zu ‚Steigbügelhaltern‘ der Nationalsozialisten. Nachdem der Industrie- und Bankensektor für die Sache gewonnen wurden, verbleiben allein die ausländischen Mächte als ernstzunehmende Regimegegner. Vuillard skizziert im Folgenden Ereignisse wie das Treffen Hitlers mit dem österreichischen Kanzler Kurt Schuschnigg auf dem Berghof am 12. Februar 1938, die zum Anschluss Österreichs an Nazideutschland führten. Dabei zeigt er, dass der ‚Blitzkrieg‘ in Wahrheit ein Desaster war: Während die Mehrheit der Österreicher auf den Einzug der Deutschen wartete, blieben deren Panzer in der Nähe von Linz stecken. Vuillard offenbart, wie schwach die Nationalsozialisten eigentlich waren, aber wie gekonnt sie sich doch inszenierten und ihren Gegnern die Tagesordnung diktierten. Im Gegenzug verweist er auf die Schwäche und Passivität europäischer Politiker, die auf die Inszenierung Hitlers hereinfielen, sowie auf das Versagen der Appeasement-Politik.

Auf 118 Seiten gelingt es Vuillard durch eine extreme Zuspitzung der Geschehnisse, die ‚Vereinnahmung‘ deutscher Industrieller und europäischer Großmächte präzise darzulegen. Mithilfe dieser Verdichtung und der Fokussierung auf wesentliche Momente, in denen sich die Katastrophe ankündigt, offenbart er zahlreiche Widersprüche und führt dem Leser vor Augen, wie erschreckend beiläufig Entscheidungen gefällt wurden. Die zynischen Kommentare des Erzählers sowie aus dem Theaterbereich entlehnte Metaphern unterstützen dieses Bestreben: Die Handlungen der Nationalsozialisten sowie die ihrer Gegner erscheinen – wüsste man es nicht besser – zu skurril, um wahr zu sein. Der Leser erhält dadurch einen klaren, unverstellten Blick auf die Mechanismen, die zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und schließlich zum 2. Weltkrieg führten.

Ausgaben: Neben der gebundenen Ausgabe und dem E-Book existiert eine sehr gut umgesetzte, ungekürzte Hörbuchfassung, gelesen von Michael Rotschopf.

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Bildquelle: buchhandel.de

Vuillard, Éric: Die Tagesordnung. Berlin : Matthes & Seitz, 2018. ISBN 978-3-95757-576-0