4. Dezember

Tipp zur Weihnachtsaktion: heute in Meschede!

Wo andere sitzen ganz bequem, kann ich darunter stehn.

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Buchtipp von Sarah Herhausen, Bibliothekszentrale

Ein alter Mann streift durch eine Stadt und geht in ein Café. Hier kehrt er ein, wie er es regelmäßig tut, er trifft Freunde und Bekannte, trinkt etwas, geht wieder nach Hause.

Seine Stadt, durch die er streift, ist voller Trümmer. Er geht vorbei an zerstörten Häusern, vorbei an Kontrollposten und Soldaten mit Gewehren, vorbei an Leichnamen, Trauer, Elend, Krankheit und Hunger.

Der alte Mann heißt Niroz Malek. Seine Stadt, seine Heimat, ist Aleppo.

Malek ist Schriftsteller und schreibt Kurzgeschichten, Träume, Begebenheiten und Gedichte über das Leben in Aleppo, der Stadt, aus der so viele geflüchtet sind. Doch er, Malek, ist nicht fort gegangen aus seiner Heimat, er ist geblieben: "Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen, daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Fotos sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück. Schließlich erklärte ich: Kann ein Körper ohne Seele leben? Aus diesem Grund werde ich meine Wohnung nicht verlassen: Weil ich meine Seele nicht in einen noch so großen Koffer stopfen kann. Meine Seele ist all das, was du in meinem Zimmer siehst ... Tausende Bücher. Hunderte Schallplatten, Zeichnungen, Gemälde und Fotos. Ich sagte zu ihr: Geh du, rette du dich. Aber ich bleibe hier, in meiner Wohnung, solange meine Seele weiterlebt."

Das Buch versammelt kleine Geschichten, Miniaturen vom Überleben im Kriegsgebiet Aleppo – und davon, dass Überleben mehr ist als körperliche Unversehrtheit. Momentaufnahmen, in denen Malek das Ergebnis von Krieg und Zerstörung kartographiert, diese Beobachtungen aber mit schönen Erinnerungen an die Zeit vor dem Krieg verbindet. Seine Zeugenschaft berichtet vom Elend in einer Heimat in einem sehr sachlichen Ton, der die Unmittelbarkeit seiner Erzählung nur noch verstärkt.

Man sollte sich die Zeit nehmen, dieses Buch zu lesen, denn es ist ein Bericht gegen das Vergessen dieser Stadt und der Menschen, die sich entschlossen haben, zu bleiben und auszuharren, und der Trauer, die damit unweigerlich verbunden ist. Es ist ein Bericht, so ergreifend und nah, wie kein Medienbeitrag das Leben in Aleppo fassen kann. Es ist, als begleite man seinen alten Freund Niroz Malek bei seinem Spaziergang.

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Bildquelle: buchhandel.de

Malek, Niroz: Der Spaziergänger von Aleppo. Weidle, 2017. ISBN 9783938803837