Mein Medientipp

von Sabine Lange-Mauriège, stellvertretende Bibliotheksleitung

„Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“ (S. 125)

Der mit dem Booker Prize ausgezeichnete britische Schriftsteller Julian Barnes schildert in seinem Roman Der Lärm der Zeit das Leben des russischen Komponisten und Pianisten Dmitri Schostakowitsch.

1906 in Sankt Petersburg geboren, erhielt er seine musikalische Ausbildung am dortigen Konservatorium und beschloss diese mit seiner 1. Sinfonie, die ihn – 19-jährig – international bekannt machte. Nachdem Stalin 1936 eine Aufführung seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk wortlos verließ und sich Schostakowitsch in einem Artikel der Prawda – betitelt mit Chaos statt Musik – einige Tage später dem Vorwurf des Formalismus ausgesetzt sah, lebte er in ständiger Angst, Stalins Säuberungen anheimzufallen. Mit seiner 5. Sinfonie konnte er sich zwar rehabilitieren und erhielt in der Folge mehrfach den Stalin-Preis – die Angst vor dem Regime blieb jedoch bestehen.

Auch nach dem Tode Stalins 1953 war ihm ein selbstbestimmtes Leben nur bedingt möglich: So wurde er von Chruschtschow zum Vorsitz des sowjetischen Komponistenverbandes gedrängt, was jedoch den Eintritt in die Kommunistische Partei der Sowjetunion voraussetzte – ein Schritt, der ihn belastete. 1975 starb Schostakowitsch in Moskau, er hinterließ unter anderem 15 Sinfonien, mehrere Opern und Konzerte.

Barnes‘ Roman ist dreigeteilt, die Überschriften „Auf der Treppe“, „Im Flugzeug“ und „Im Auto“ verweisen auf Räumlichkeiten, in denen sich Schostakowitsch, von der sowjetischen Regierung – der „Macht“ – getrieben, aufhält: Nach der Absetzung seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk und einem Verhör in der Geheimdienstzentrale Lubjanka wartet er jede Nacht im Treppenhaus seines Wohnhauses vor dem Fahrstuhl mit gepacktem Koffer auf seine Festnahme und mögliche Hinrichtung; 1949 fliegt er auf Stalins Gesuch zum Friedenskongress nach New York; unter Chruschtschow erhält er – gemäß seiner neuen Aufgabe als Vorsitzender des sowjetischen Komponistenverbandes – einen Wagen mit Chauffeur.

Von diesen Stationen ausgehend, rekapituliert Barnes‘ Er-Erzähler in derart personaler Form das Leben des Komponisten, dass der Leser den Eindruck gewinnt, der Protagonist selbst erinnere sich. Dem Lärm der Zeit – den Repressalien des Stalin-Regimes – ausgesetzt, bleibt Schostakowitsch nur die Rolle als linientreuer Komponist, der jedoch über ironische Subtexte in seiner Musik, die von den Herrschenden nicht wahrgenommen werden, Distanz wahrt. Barnes zeigt eindrucksvoll die Zwangslage, in der sich Schostakowitsch sein ganzes Leben lang befand, und schildert die Ausweglosigkeit eines fremdbestimmten Lebens – sogar ein Selbstmord bleibt Schostakowitsch verwehrt: „Und eben darum konnte er sich nicht umbringen: Weil sie ihm dann seine Geschichte stehlen und sie umschreiben würden. Er musste, und sei es auf seine eigene hoffnungslose, hysterische Art, etwas Kontrolle über sein Leben, über seine Geschichte behalten.“ (S. 133)

Ausgabe: Neben der gebundenen Ausgabe, dem Taschenbuch und dem E-Book existiert eine sehr gut umgesetzte, ungekürzte Hörbuchfassung, gelesen von Frank Arnold.

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Bildquelle: buchhandel.de

Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit. Kiepenheuer & Witsch, 2017. ISBN 978-3-462-04888-9.

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